Warum fotografiere ich zu einem Großteil Männer?

Oft wird mir diese Frage gestellt und salopp erzähle ich eine kleine Geschichte aus der Zeit als ich anfing, Menschen zu fotografieren:
Wie so viele andere Fotografen fragte ich erst in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, ob sich jemand als Modell zur Verfügung stellte. Während viele Frauen in meinem Freundeskreis meinten, sie müssen erst noch einen Friseur-Termin machen oder sich erst mal unter die Sonnenbank legen, bevor sie sich vor die Kamera trauen, antworteten die männlichen Geschöpfe meist mit einem Satz wie „Ok, ich bring dann Bier mit. Wann geht’s los?“.

Natürlich erzähle ich diese Geschichte immer mit einer Portion Humor und es ist natürlich nicht immer so. Jedoch habe ich anfangs tatsächlich viel mit Männern fotografisch experimentieren können, da sie doch offener für die Fotografie zu sein schienen als die weiblichen Kollegen. Und dabei stellte ich immer wieder fest, wie facettenreich gerade Männer vor der Kamera sein können.

Männer sind nicht ästhetisch!?

Entgegen der oft irrtümlichen Meinung, Männer seien nicht so ästhetisch wie die Frauen oder sind nicht abwechslungsreich genug, muss ich das immer wieder verneinen. Meine Erfahrung hat immer wieder aufs neue gezeigt, dass die Ästhetik von Männern sehr vielschichtig und abwechslungsreich ist. Und diese Eigenheit macht sich zunehmend in der heutigen Zeit bemerkbar. Auch wenn Frauen noch in der Fotografie dominieren, so sehe ich eine Entwicklung dahingehend , dass Männer mehr und mehr Präsenz zeigen werden.

Männlichkeit und Emotionen

Gerade Emotionen spielen aus meiner Sicht in Verbindung mit dem Thema Männlichkeit eine große Rolle. Und mein Streben ist es, stets ehrliche und abwechslungsreiche Porträts zu schaffen ohne sich an Klischees zu orientieren, die noch heute in so manchem Geschlechter-Denken verankert sind. Deshalb sind Emotionen für mich in der Bildsprache ein wichtiger Faktor. Wir leben im 21 Jahrhundert und dennoch werden Emotionen noch heute gedanklich von Männern getrennt. Man ist oft noch heute der Auffassung, dass Gefühle und Stimmungen mit etwas „weichem“ oder „übersensiblem“ in Verbindung stehen. Ein großer Irrtum!
Im Rahmen meiner Studienzeit befragte ich zu einem Fotografie-Projekt viele Männer in meinem Umfeld, welche Wörter Ihnen am meisten emotional aufgeladen zu sein scheinen. Ich habe enorm viele Wörter gesammelt (alphabetisch geordnet):

Anerkennung, Aufrichtigkeit, Demut, Distanz, Dunkelheit, Einsamkeit, Freiheit, Freude, Freundschaft, Geborgenheit, Geburt, Glück, Gott, Größe, Haltung, Herz, Hoffnung, Kraft, Krankheit, Leben, Liebe, Mutter, Nähe, Partner, Ruhe, Sex, Sicherheit, Stärke, Stolz, Tod, Universum, Verlust, Würde, Zärtlichkeit, Zorn, Zufriedenheit u.v.m.

Das zeigt natürlich, dass gerade auch Männer sich stark mit Gefühlen und Emotionen auseinandersetzen. Menschlichkeit und Gefühl sind aus meiner Sicht untrennbar. Und sie sind keine Schwäche, im Gegenteil, sie zeigen eine andere Form von Stärke.